Geschichte, Konzept und Umsetzung
von Herbert Engel
Vorgeschichte
Wie kann heute eine angemessene Form zugleich individuellen aber auch öffentlich wahrgenommenen Gedenkens für Menschen, die an den Folgen von AIDS gestorben sind, aussehen? Ist es möglich, individuelles Gedenken und Trauern, das eines Schutzraums bedarf, mit einer öffentlichen Veranstaltung, die zugleich solidarisierend wirken soll, zu verbinden? Wie muß ein solches Angebot beschaffen sein, damit auch die Menschen erreicht werden, die nicht bereits in Angehörigen- oder Selbsthilfegruppen integriert und nicht haupt- oder ehrenamtlich bei einem Träger, der im AIDS-Bereich arbeitet, engagiert sind? Wo haben heute die Familien, die ihren Vater, ihre Mutter, ihren Sohn oder ihre Tochter durch AIDS verloren haben, eine Möglichkeit, zu trauern und zu gedenken? Welche Rolle können oder dürfen Kirche und Religion in einem solchen Konzept spielen? Fragen, die beantwortet werden wollen.
In den vergangenen 25 Jahren hat es in Köln zahlreiche Versuche gegeben, diese Fragen durch entsprechende Veranstaltungen zu beantworten. Und so wie sich die politische und gesellschaftliche Situation veränderte, nahmen auch die Gedenkveranstaltungen andere Formen an. Mußte in den 80er Jahren eine der zentralen Kölner Gedenkveranstaltungen noch das Motto „Namenlos doch nicht vergessen“ tragen, so konnten Mitte der 90er Jahre in ökumenischen Gedenkgottesdiensten der Verstorbenen bereits namentlich gedacht werden. Es entstanden
- Gedenkveranstaltungen mit politischem Charakter an öffentlichen Orten Kölns (Alter Markt, Heinrich Böll-Platz)
- Veranstaltungen im Zusammenhang mit Installationen des Projekts Namen und Steine der Deutschen AIDS-Stiftung (zunächst temporär am Alter Markt, dann dauerhaft in der Markmannsgasse)
- Errichtung einer Gedenkstele für Menschen mit AIDS im Lichhof
- ökumenische Gedenkgottesdienste in evangelischen und katholischen Kirchen
- ein Candlelight Marsch durch die Kölner Innenstadt.
Diese Veranstaltungen waren alle mäßig bis gut besucht. Gerade die medienwirksamen Veranstaltungen erfüllten durch ihre Außenwirkung eine wichtige politische und solidarisierende Funktion. Direkt erreicht wurde in diesen Veranstaltungen jedoch meist eine eng umgrenzte Gruppe von Menschen, die entweder haupt- oder ehrenamtlich mit AIDS zu tun hatten, zu einer der Hauptbetroffenengruppen gehörte oder über die Träger der Kölner AIDS-Arbeit in irgendeiner Weise organisiert waren.
Der Arbeitskreis AIDS der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) hat diese Entwicklung jahrelang mitverfolgt und mit gestaltet. Von 1993 bis 1996 wurden im Auftrag des Arbeitskreises AIDS im Kontext des Welt-AIDS-Tages jährliche ökumenische Gedenkgottesdienste geplant, organisiert und durchgeführt. An diesen Gedenkgottesdiensten, die jeweils am Totensonntag gefeiert wurden nahmen stets zwischen 50 und 120 Menschen teil. Hauptsächlich waren es schwule Männer und Mitarbeiter/innen der haupt- oder ehrenamtlichen AIDS-Arbeit.
Bei aller Dichte dieser Veranstaltungen, stellte sich die Frage, ob die gewählte Form des Gedenkens (Gedenk-Gottesdienst) die richtige ist. In Köln leben ca. 2500 Menschen, die mit HIV infiziert sind. Über 1000 sind bereits an den Folgen der Erkrankung gestorben. Wohin gehen alle diejenigen, die nicht zu einer der Hauptbetroffenengruppen gehören bzw. nicht von der Arbeit der AIDS-Träger Kölns erreicht werden mit ihrer Trauer, ihrer Einsamkeit, ihrer Suche nach Sinn und ihrer Hilflosigkeit,?
1997 entschloß sich der Arbeitskreis AIDS auf Anregung der AIDS-Koordination erstmals eine neue Form der Gedenkveranstaltung zu erproben. Die Veranstaltung sollte folgende Kriterien erfüllen:
- Sie sollte alle Kölner Bürgerinnen und Bürger ansprechen,
- einen geschützten Rahmen für das persönliche Gedenken anbieten und
- berücksichtigen, daß viele Menschen der verfaßten Kirche die Kompetenz absprechen, authentisch Trauer und Sterben derjenigen zu begleiten, die sie im normalen Kirchenalltag immer noch diskriminieren.
- Das im Kern religiöse Bedürfnis vieler Menschen sollte aufgenommen werden, ohne sich einer bestimmten Religion zu verpflichten. Stattdessen sollte die Veranstaltung nach Inhalt und Form für Angehörige jeder Religionsgemeinschaft und für Menschen, die bewußt keiner Religion angehören, offen sein.
- Die einseitige Verwendung christlicher Symbole sollte vermieden und auf die Verwendung kirchlicher Amtsinsignien (Talar, Stola, etc.) verzichtet werden.
- Durch den äußeren Rahmen sollte ein Höchstmaß an Freiheit für das persönliche Gedenken der einzelnen Besucher geschaffen werden.
- Die Veranstaltung sollte Möglichkeiten bieten, daß im Kirchenaum „Bewegung“ und „Begegnung“ entsteht.
- Möglichst viele Menschen aus dem Umfeld der Verstorbenen sowie engagierte Einzelne und Gruppen aus nicht AIDS-typischen Lebensbereichen sollten in die Gestaltung der Veranstaltung einbezogen werden.
Aus diesen Überlegungen ist das Konzept der "Nacht der Lichter" entstanden, das 1997 im Auftrag des Arbeitskreis AIDS der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft, Köln im Rahmen des Welt-AIDS-Tages zum erstenmal in der Kölner Trinitatiskirche umgesetzt wurde. Mit über 600 Besucherinnen und Besuchern hatte die Veranstaltung einen für alle Beteiligten ebenso unerwarteten wie überwältigenden Erfolg.
1998 wurde die Nacht der Lichter erstmals als zentrale Kölner Gedenkveranstaltung vom Arbeitskreis AIDS ausgerichtet. Neu war, daß der Gedenkraum von den Organisatoren unter künstlerischen Gesichtspunkten (Thema „Wasser“) gestaltet wurde. Auch 1998 nahmen über 600 Besucher/innen an der Nacht der Lichter teil.
Konzept und Umsetzung
Ausgangssituation
Menschen, die einen Angehörigen, eine Freundin oder einen Freund durch AIDS verloren haben, finden in ihrer Kirchengemeinde, ihrem Freundeskreis oder ihrer Familie allzu oft keine Möglichkeit, wirklich zu trauern. An AIDS zu erkranken und zu sterben, ist in weiten Bereichen unserer Gesellschaft (vor allem im heterosexuellen Bereich) immer noch ein Makel. Einen Angehörigen, eine Freundin, einen Freund durch AIDS verloren zu haben, muß zu oft noch geheim gehalten werden vor allem aus Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung. So bleiben diese Menschen alleine mit der Krankheit, dem Sterben, dem Tod und dem Verlust des geliebten Menschen.
Deshalb ist es so wichtig, immer wieder Gelegenheiten zu schaffen, zu denen Menschen in einem öffentlichen und doch geschützten Raum ihrer Trauer und ihrem Gedenken in Gemeinschaft mit anderen Ausdruck verleihen können.
Zielgruppe und Rahmen
Die Nacht der Lichter wird am letzten Samstag vor dem Welt-AIDS-Tag in der evangelischen Trinitatiskirche Köln gefeiert und richtet sich an Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen und -schichten, die einen nahestehenden Menschen durch AIDS verloren haben als auch Menschen, die sich mit ihnen solidarisieren.
Die Nacht der Lichter beginnt um 18 Uhr und dauerte 6 Stunden lang bis 24 Uhr. So können sowohl Familien mit Kindern als auch Nachtschwärmer der schwulen Szene zu der ihnen gemäßen Zeit teilnehmen.
Wer nur 5 Minuten bleiben will, um eine Kerze aufzustellen, ist genauso willkommen wie der jenige, der lange Zeit verweilt oder während des Abends mehrmals wiederkommt.
Gedenkinstallation
Die evangelische Trinitatiskirche hat den Vorteil, daß sie keine Gemeinde- sondern eine Kunstkirche ist. Der Kirchenraum wird hauptsächlich für Kunstausstellungen genutzt und bot daher alle Möglichkeiten für eine künstlerische Gestaltung. Außerdem liegt die Trinitatiskirche inmitten der schwulen Szene nahe dem Heumarkt.
Die Kirche wird nur mit wenigen, locker angeordneten Sitzgelegenheiten bestuhlt, um Bewegung im Kirchenraum anzuregen und zu ermöglichen.
Das Zentrum bildet in jedem Jahr eine künstlerisch gestaltete Gedenkinstallation. In den vergangenen Jahren wurden Installationen zu den Themenkomplexen: Erde • Wasser • Luft • Feuer • Zeit • Brücke • Lebenslinien • Bewegung - Veränderung - Wandlung • Labyrinth • Tor • Lichtung • Stufen • Menschenbaum • Bausteine der Identität gestaltet. 2011 lautet das Thema der Gedenkinstallation, die durch den Kölner Künstler Rüdiger Kreisler gestaltet wird: "Lebenswege". Auf eine eindeutig oder gar einseitig christliche Gestaltung des Kirchenraumes wird bewußt verzichtet, um den Besucher/innen möglichst viel Freiheit in ihrem eigenen religiösen Ausdruck zu lassen.
In ein Gedenkbuch, das vor der Installation ausgelegt ist, können die Besucher/innen Worte des Gedenkens oder der Trauer schreiben und so selbst etwas von ihrer Trauer loslassen oder ihrer Hoffnung teilen, die als Geschriebens für andere sichtbar wird.
Kulturprogramm
Die Veranstaltung wird durch Wort- und Musikbeiträge von Künstler/innen, Künstlergruppen, Menschen mit HIV/AIDS und Personen des öffentlichen Lebens umrahmt (siehe beiliegendes Programm), die entweder aus dem Umfeld der Menschen kommen, die auf irgendeine Weise mit AIDS zu tun haben oder sich mit diesen solidarisch fühlen. Zwischen den Beiträgen herrscht Stille.
Im Vorraum der Kirche werden die Besucher/innen durch Mitarbeiter/innen des Arbeitskreises AIDS begrüßt, erhalten eine Kerze und das Programm des Abends. Die Mitarbeiter/innen des Arbeitskreises AIDS stehen darüber hinaus auch für persönliche Gespräche und Krisenintervention zur Verfügung.
Finanzierung
Die Nacht der Lichter wird durch Geldspenden vom Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW (bis 2002), Gesundheitsamt der Stadt Köln und Arbeitskreis AIDS Köln e.V. unterstützt. Durch intensives Fundraising konnten Inhaber von Szenebetrieben, Schwerpunktärzte, Evangelischer Stadtkirchenverband und weitere Betriebe und Unternehmen als Sponsoren gefunden werden. Ohne diese Spenden könnte die Nacht der Lichter nicht stattfinden.